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Poems und Musik

 

 

Johannes Brahms (1833-1897) vertonte unter anderem Gedichte von Goethe und Schiller. Er illustrierte oder untermalte dabei nicht, sondern fand einen genuinen musikalischen Ausdruck des Themas, der heute noch überzeugt, gefangen nimmt – und beglückt. Nänie (Trauergesang, Totenklage) von Friedrich Schiller (1756-1805) ist ein Poem, das vom alten Problem von Leben und Tod, von der Vergänglichkeit handelt und in seiner Trauer, die auch die Götter teilen, etwas vom Unergründlichen, vom tiefen Wunsch nach Unsterblichkeit und Trauer einerseits und dem Unabwendbaren, dem Tod sagt. Brahms bringt es zum Singen.

 

Adorno, nicht gerade ein Freund Schillers, sondern ein scharfer Kritiker, hält zur Nänie fest:


Die Nänie über die Seinsvergessenheit ist Sabotage an der Versöhnung; mythisch undurchdringliche Seinsgeschichte, an welche Hoffnung sich klammert, verleugnet diese. Ihre Fatalität wäre als Zusammenhang von Verblendung zu durchbrechen.

 »Auch das Schöne muß sterben!«: das ist viel wahrer, als bei Schiller vermeint. Es gilt nicht nur von denen, die schön sind, nicht bloß von den Gebilden, die zerstört werden oder vergessen oder ins Hieroglyphische zurücksinken, sondern für alles, was aus Schönheit sich zusammensetzt und was, nach deren hergebrachter Idee, unwandelbar sein sollte, die Konstituentien der Form.

Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
    Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
    Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
    Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
    Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
    Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
    Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
    Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.


Nänie, op. 82, conducted by Lay a Garland

 

 

 

Das Gedicht "Harzreise im Winter" von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) (es gibt einen Reisebericht "Die Harzreise" von Heinrich Heine, 1824 verfaßt), hat Brahms vertont, das heisst, er hat einige Strophen aus dem Gedicht verwendet und in Musik gesetzt.


Aus der Harzreise im Winter:

Aber abseits wer ists?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Deß, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Offne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.


Hier das komplette Poem von Goethe:

Harzreise im Winter

Dem Geier gleich,
Der auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

Denn ein Gott hat
Jedem seine Bahn
Vorgezeichnet,
Die der Glückliche
Rasch zum freudigen
Ziele rennt:
Wem aber Unglück
Das Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebens
Sich gegen die Schranken
Des ehernen Fadens,
Den die doch bittre Schere
Nur einmal löst.

In Dickichts-Schauer
Drängt sich das rauhe Wild,
Und mit den Sperlingen
Haben längst die Reichen
In ihre Sümpfe sich gesenkt.

Leicht ists folgen dem Wagen,
Den Fortuna führt,
Wie der gemächliche Troß
Auf gebesserten Wegen
Hinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits wer ists?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Deß, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter,
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ungnügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Offne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste.

Der du der Freuden viel schaffst,
Jedem ein überfließend Maß,
Segne die Brüder der Jagd –
Auf der Fährte des Wilds
Mit jugendlichem Übermut
Fröhlicher Mordsucht,
Späte Rächer des Unbills,
Dem schon Jahre vergeblich
Wehrt mit Knütteln der Bauer.

Aber den Einsamen hüll
In deine Goldwolken!
Umgib mit Wintergrün,
Bis die Rose wieder heranreift,
Die feuchten Haare,
O Liebe, deines Dichters!

Mit der dämmernden Fackel
Leuchtest du ihm
Durch die Furten bei Nacht,
Über grundlose Wege
Auf öden Gefilden;
Mit dem tausendfarbigen Morgen
Lachst du ins Herz ihm;
Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangener Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker.

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.



Brahms Alto Rhapsody, Opus 53, Part 1


Nina Lorcini is the alto soloist in the March 9th, 2008 performance of Brahms' Alto Rhapsody, performed by One World Symphony, conducted by Sung Jin Hong.

 


Brahms Alto Rhapsody, Opus 53, Part 2





Brahms - Alto Rhapsody (I) - Fassbaender / Sinopoli part 1
Rhapsody for alto, male chorus and orchestra op.53 (Fist part) Brigitte Fassbaender Prague Philharmonic Chorus Czech Philharmonic Orchestra Giuseppe Sinopoli  

 




Rhapsody for alto, male chorus and ochestra op.53, part 2
Brigitte Fassbaender Prague Philharmonic Chorus Czech Philharmonic Orchestra Giuseppe Sinopoli  

 




In der Vertonung der Harzreise im Winter gewinnt die Einsicht Goethes ins Orphische ein zusätzliches Gewicht. Der in Selbstsucht sich alles ins Negative wandelt, der leidet und nicht mehr raus kann, ist wie der moderne Mensch, der in Depressionen sich verstrickt und abgleitet, absinkt. Der Hoffnungsruf gilt dem Hören und dem Heilversprechen: wenn er nur hörte, kann er sich retten, weil sein Blick entwölkt, sein Ohr erquickt. Orpheus, der Vater der Liebe, das Göttliche möge helfen.

Goethes Gedicht drückt die Ödnis des Zurückgefallenen, des Verlorenen, des in der Öde von ihr Verschlungenen eindrücklichst aus. Als ob er den orientierungslosen, modernen Menschen gezeichnet hätte, der abseits, vom Wege abgekommen, spurlos wird.

Goethe und seine Arbeit sind nicht zeitlos, wie nichts zeitlos ist. Aber sie sind von einer längeren Dauer, wie nur Gehaltvolles es eignet. Und Brahms kreierte eine Dimension hinzu, die der Musik.

Zu Goethe notierte Adorno u. a.:

Zur Dialektik des Takts. - Goethe, der deutlich der drohenden Unmöglichkeit aller menschlichen Beziehungen in der heraufkommenden Industriegesellschaft sich bewußt war, hat in den Novellen der Wanderjahre versucht, den Takt als die rettende Auskunft zwischen den entfremdeten Menschen darzustellen. Diese Auskunft schien ihm eins mit der Entsagung, mit Verzicht auf ungeschmälerte Nähe, Leidenschaft und ungebrochenes Glück. Das Humane bestand ihm in einer Selbsteinschränkung, die beschwörend den unausweichlichen Gang der Geschichte zur eigenen Sache machte, die Inhumanität des Fortschritts, die Verkümmerung des Subjekts. Aber was seitdem geschah, läßt die Goethesche Entsagung selber als Erfüllung erscheinen. Takt und Humanität - bei ihm das Gleiche - sind mittlerweile eben den Weg gegangen, vor dem sie nach seinem Glauben bewahren sollten.
Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Zur Dialektik des Takts., S. 38-39

Und zu Brahms findet sich bei ihm ein Satz, der bemerkenswert offen darlegt:
Der junge Brahms, dessen Genius bis heute kaum recht gesehen worden ist, enthält Stellen von so überwältigender Zärtlichkeit, wie wohl nur der sie auszudrücken vermag, dem sie versagt blieb.
Ästhetische Theorie: Paralipomena. S 411


 
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